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Liebe dich so, wie du bist, egal was passiert!
Selbstvergebung ist die größte Heilung
Der renommierte Psychologe, erfolgreiche Autor und Lebenslehrer Colin C. Tipping kann von sich sagen, eine ganzheitliche Therapie im besten Sinne entwickelt zu haben, die auf Geist, Seele und Körper gleichermaßen wirkt. Auf einer Deutschlandtournee stellt er sein therapeutisches Modell der Radikalen Selbstvergebung vor.
Mr. Tipping, warum bezeichnen Sie Ihre Methode der Selbstvergebung als radikal?
Das Wort „radikal“ hat zwei Bedeutungen. Die eine ist „seiner Zeit voraus oder fortschrittlich gedacht“. Die andere ist, dass man der Sache auf den Grund geht. Radikale Vergebung und daher auch Radikale Selbstvergebung entspricht beiden Bedeutungen. Die herkömmliche Definition von Vergebung geht davon aus, dass jemand etwas falsch gemacht, etwas Böses getan oder jemanden verletzt hat.
Vergebung heißt, dass man die Sache „auf sich beruhen“ lässt und nicht mehr nachtragend ist. Entsprechend besteht herkömmliche Selbstvergebung darin, dass wir die Schuldgefühle wegen unserer Missetat fallen lassen. Radikale Vergebung ist jedoch etwas völlig Anderes. Hierbei wird die betroffene Partei gebeten, sich für die Möglichkeit zu öffnen, dass das, was geschehen ist, aus einer höheren, spirituellen Perspektive geschehen musste, um einen Lernprozess in Gang zu setzen, der das Wachstum der Seele fördert. Das Geschehen ist Teil der Entfaltung eines göttlichen Plans für die Seelenreise der betroffenen Personen. Das bedeutet, dass es aus dieser höheren Perspektive keine Opfer und keine Täter gibt. Nichts Falsches oder Böses ist jemals geschehen. Es gibt nichts zu vergeben. Das ist sehr radikal.
Radikale Vergebung geht an die Wurzel, da sie das ich-zentrierte Opferdenken überwindet und damit der Wahrheit näherkommt, die darin besteht, dass Gott keine Fehler macht. Radikale Selbstvergebung geht daher davon aus, dass wir in unserem ganzen Leben niemals einen Fehler gemacht haben – alles hat seinen Sinn. Mehr „auf den Grund“ kann man der Sache wohl nicht gehen.
Sie schreiben: „Bei der Selbstvergebung ist man alles zur gleichen Zeit: Kläger, Richter, Geschworener, Zeuge und Verteidiger. Fehlt nicht noch der Angeklagte?
Ja, und die Zeugen ebenfalls. Das Ganze spielt sich in Ihrem Kopf ab.
Ihnen geht es darum, Hass und Unzufriedenheit in Liebe und Mitgefühl zu transformieren. Wie steigt man in diesen Prozess ein?
Man kann überhaupt keine Emotionen in Liebe und Mitgefühl verwandeln, wenn man sich nicht zuerst erlaubt, sie zu fühlen, so wie sie sind, und es vermeidet, sie zu verurteilen. Der erste Schritt ist, sich zu lieben und das Gefühl zuzulassen. Das ist die Grundlage für die Methoden, die im Rahmen der Radikalen Selbstvergebung zur Verfügung gestellt werden. Was Schuld- und Schamgefühle betrifft – Gefühle, die verhindern, dass wir uns selbst vergeben – so müssen wir ihnen auf den Grund gehen. Wir müssen sie genau anschauen und herausfinden, ob sie tatsächlich angebracht sind. Bin ich wirklich ein schlechter Mensch? Erst dann können wir Mitgefühl und Verständnis für uns selbst finden. Die weitere Entwicklung können wir unserer spirituellen Intelligenz überlassen. Radikale Selbstvergebung und Selbstakzeptanz geben uns die Werkzeuge, einen Anfang zu machen. Eines der wichtigsten Werkzeuge sind die Arbeitsblätter.
Und reicht es nicht schon, dass der Schmerz verschwindet? Das wäre doch für viele Menschen schon ein großer Fortschritt.
Der Schmerz ist dazu da, gefühlt zu werden und als das gesehen zu werden, was er ist – ein angemessenes Feedback. Wenn wir sehen, dass der Schmerz uns etwas sagen will und dass die Ursache unseres Leidens nicht so sehr in unseren Schmerzen liegt, sondern in unseren Gedanken über den Schmerz, dann können wir ihn viel schneller und leichter hinter uns lassen. Wenn wir die Radikale Selbstvergebung dazu benutzen, uns zu öffnen und die Vollkommenheit in allem zu sehen, wird der Schmerz von selbst verschwinden. Bei der herkömmlichen Vergebung kann es viele Jahre dauern, bis der Schmerz nachlässt, da der Gedanke, dass ich Opfer oder Täter bin, festgehalten wird.
Wenn Sie sagen, dass alles, was geschieht, eine Bedeutung hat und zu etwas gut ist, sagen Sie dann auch, dass auch hinter dem Schrecklichsten, wie zum Beispiel einer Misshandlung, ein Sinn steckt?
Ja. Es gibt keine Ausnahmen von der Regel, selbst wenn es unsere Vorstellungskraft übersteigt, uns auszumalen, welchen Zweck eine solche Tat für die beteiligten Seelen gehabt haben soll. In vielen Fällen ist dieses Unglück möglicherweise deswegen geschehen, weil Missbraucher und Missbrauchte vor ihrer Inkarnation einen Seelenpakt geschlossen haben, in dem sie sich darauf eingelassen haben, diese Rollen zu spielen. Wir müssen jedoch hier klar unterscheiden zwischen der Sichtweise, die wir in der humanen Welt einnehmen, und der spirituellen Perspektive. Aus menschlicher Perspektive ist ein Missbrauch zweifellos zu verurteilen und muss geahndet werden. Doch auch das ist Teil des spirituellen Plans, also ist daran aus dieser Perspektive nichts Falsches. Radikale Vergebung enthebt uns nicht unserer Verantwortung in der humanen Welt. Doch wenn es uns gelingt, beide Sichtweisen gleichzeitig im Auge zu behalten, hilft uns dies sehr, gravierende Energien wie die eines Missbrauchs zu verarbeiten und zu transformieren.
Ein anderer Grundsatz von Ihnen ist: „Wer Heilung erfahren will, muss vergeben.“ Dabei scheint die Bescheidenheit der Schlüsselmoment zu sein.
Bescheidenheit ist gewiss eine wichtige Komponente der Radikalen Vergebung, insofern, als sie damit zu tun hat, dass wir unser Ego, unser Bedürfnis, Recht zu haben, aufgeben. Heilen bedeutet, wieder heil, wieder ganz zu werden. Wenn wir uns von anderen abtrennen, indem wir ihnen die Schuld geben, einen inneren Groll gegen sie hegen und uns weigern, ihnen zu vergeben, versagen wir uns damit die Fähigkeit, wieder eins zu werden, und bleiben getrennt. Und wenn wir uns selbst nicht vergeben können, bleiben wir innerlich getrennt. In beiden Fällen können wir nicht heilen.
Welche Auswirkungen auf das kollektive Bewusstsein hat eine tief greifende Veränderung einer einzelnen Person?
Das kollektive Bewusstsein ist die Gesamtheit des Bewusstseins aller Menschen. Wir alle tragen unseren Teil dazu bei, indem wir tun, was wir tun. Je mehr wir vergeben, sowohl uns selbst als auch anderen, desto höher wird unsere individuelle Schwingung. David Hawkins hat dazu eine interessante Theorie aufgestellt. Er geht davon aus, dass jeder Mensch eine individuelle Schwingung besitzt, die zwischen 0 und 1000 liegt. Nur sehr wenige Menschen, wie etwa Jesus Christus, hatten jemals eine Schwingung von fast 1000. Eine einzige Person mit einer Schwingung von 350 kann nach Hawkins bereits ein Gegengewicht für 200.000 Menschen mit einer Schwingung von unter 200 bilden, einem Wert, auf dem sich die Mehrheit der Weltbevölkerung derzeit bewegt. Die Methode der Radikalen Vergebung kalibriert uns auf einen Wert um 450. Jedes Mal, wenn wir diese Methode anwenden, tragen wir also erheblich zur Steigerung des kollektiven Bewusstseins bei.
Wie schaffe ich es, dass ich mich in einer Situation, in der ich mich normalerweise als Opfer fühle, bewusst gegen die Opferrolle entscheide?
Der erste Schritt besteht darin, dass Sie es zulassen, sich als Opfer zu fühlen, und dass Sie sich selbst in dieser Rolle lieben. Sie sind ein Mensch, und Menschen haben es an sich, sich als Opfer zu fühlen. Das ist der erste Schritt auf dem Weg aus dem Opferland. Wenn Sie sich dieses Gefühl nicht erlauben und zu schnell mit spirituellen Analysen und Deutungen bei der Hand sind, nehmen Sie sich diese Chance. Wir nennen das einen „spirituellen Bypass“. Der nächste Schritt besteht darin, zu erkennen, dass Sie aus irgendeinem Grund zu dieser Situation beigetragen haben, also muss sie einen Sinn haben. Der beste Weg, um dies zu erkennen, ist der 4-Stufen-„Emerge-N-See“-Prozess. Merken Sie sich die folgenden vier Aussagen und sagen Sie sie jedes Mal, wenn etwas Unangenehmes passiert. So verhindern Sie, dass Sie sofort ins Opferland gehen.
Erster Schritt: „Schau, was ich angestellt habe.“
Zweiter Schritt: „Ich sehe, wie ich mich verurteile und wie ich mich fühle, aber ich liebe mich trotzdem.“
Dritter Schritt: „Ich bin bereit, die Vollkommenheit in der Situation zu sehen.“
Vierter Schritt: „Ich entscheide mich für die Energie des Friedens.“
Wenn ich nur einmal helfe, bekomme ich das Doppelte zurück, sagt man. Trifft dies auch auf die Vergebung zu?
Man vergibt nicht, um etwas zurückzubekommen, doch wer vergibt, dem wird vergeben.
Sie sagen: „Mitgefühl ist keine freie Entscheidung“. Wie bilde ich dann mein Mitgefühl aus?
Wir kultivieren unser Mitgefühl, indem wir erkennen, dass wir alle hier sind, um einander in Liebe zu dienen, und dass in unserer Unvollkommenheit Vollkommenheit ist.
Ist der Erfolg nur garantiert, wenn man alle fünf Phasen der Methode der Radikalen Selbst-Vergebung durchlaufen hat?
Im Großen und Ganzen ist dies so. Doch die Absicht, ein Arbeitsblatt zur Radikalen Vergebung auszufüllen, ist in gewissem Sinne bereits genug, da es die Bereitschaft signalisiert, sich für die Möglichkeit zu öffnen, dass die Situation vollkommen ist oder war. Die Bereitschaft zählt, nicht der Glaube.
Worin unterscheidet sich die Radikale Selbstvergebung von Ihrem Konzept der Radikalen Vergebung?
Überhaupt nicht. Außer dass wir uns bei der einen als Opfer fühlen und in der anderen das Gefühl haben, gegen uns selbst gesündigt zu haben. Die Energie ist die gleiche, und der Weg zur Heilung ebenfalls.
Sie sagen, dass jeder Mensch aus einer ganzen Reihe von „Ichs“ besteht, die sich zudem nicht sonderlich gut vertragen. Macht aber nicht gerade die innere Vielfalt einen Menschen aus?
Vollkommen richtig. Die innere Vielfalt ist menschlich. Die innere Dissonanz zwischen den verschiedenen Ichs jedoch kann unsere psychische Verfassung problematisch und verwirrend machen. Es hilft, wenn wir wissen, welches Ich jeweils gerade das Sagen hat.
Wie schaffe ich es, dass meine inneren „Ichs“ miteinander harmonieren, anstatt dass sie mein Leben sabotieren?
Indem ich mir meiner inneren Ichs bewusst werde und genau hinschaue, wenn sich eine Dissonanz zwischen ihnen entwickelt. Wissen ist Macht, doch Selbsterkenntnis ist Weisheit. Wenn wir unsere unterschiedlichen Ichs kennenlernen und verstehen, woher sie jeweils kommen, können wir eine größere Harmonie zwischen ihnen erzeugen.
Was ist letztendlich das Ziel: die friedliche Koexistenz meiner verschiedenen „Ichs“ oder deren Rücktritt zugunsten eines einheitlichen Ichs?
Das Ziel ist es, sich selbst lieben zu lernen. Wenn wir alle Teile von uns selbst, einschließlich unserer Schattenseiten, lieben können, haben wir die Chance, eins zu werden – ganz zu werden.
Vielen Dank, Colin, für dieses anregende Gespräch.
Ein Interview von Silvia Vrablecova.
Colin Tipping
Radikale Selbstvergebung
Liebe dich so, wie du bist, egal was passiert!
272 Seiten, Klappenbroschur
€ 17,95
Integral Verlag
ISBN 978-3-7787-9210-0
Weitere Infos finden Sie hier: www.tipping-methode.de |